Schlangentänze, Schlangenkräfte
Über den Zusammenhang von
Körperlichkeit und Spiritualität im Tanz

Cornelia Freise, © 2004

Zusammenfassung: In dem Artikel geht es um die Beschreibung der Verbindung von Körperlichkeit und Spiritualität im Tanz bei Frauen. Anhand des Symbols der Schlange, dessen Vielschichtigkeit dargestellt wird, wird erläutert, in welcher Weise körperliche und spirituelle Erfahrungen zusammenhängen. Den eigenen Schilderungen der betreffenden Frauen wird ein umfangreicher Raum gegeben, gleichzeitig wird das allgemeine Setting der Arbeit geschildert, und es werden Schlussfolgerungen gezogen, die die ungeheure Kraft aufzeigen, die Erfahrungen im Tanz haben können, wenn eine Öffnung für alle Seinsebenen gleichzeitig möglich ist.

O Freundin, verstehe: der Körper
ist wie der Ozean,
reich an verborgenen Schätzen.

Öffne Deine innerste Kammer und entzünde ihre Lampe.
Im Körper gibt es Gärten,
seltene Blumen, Pfauen, die innere MUSIK;
im Körper ist ein See der Wonne,
auf ihm nehmen sich die weißen Seelen-Schwäne ihre Freude.
Und in dem Körper, ein riesiger Markt –
Gehe dorthin, handele,
verkaufe dich selbst für einen Gewinn, den du nicht ausgeben kannst.

Mirabai, indische Mystikerin, 16.Jhdt. (1)

Themenstellung
Mit diesem Beitrag möchte ich mich einem Phänomen annähern, das mich seit längerer Zeit beschäftigt, sich aber auch immer wieder meinem Zugriff entzieht. Das liegt daran, dass ich es sprachlich schwer fassbar und als weitgehend tabuisiert empfinde. Es geht um die Erfahrung des Heiligen im Tanz, seine geistige Dimension, in Beziehung zu der körperlichen Ebene bei Frauen. Beide Ebenen sind im Tanz miteinander verbunden, und doch wird nicht jeder Tanz als etwas Heiliges erlebt. Der Grund dafür liegt in der Wahrnehmung; d.h. ich kann in der Betrachtung und Empfindung eines Tanzes die geistige Dimension ausschließen, während die körperliche Dimension, die mit der physischen Präsenz einhergeht, nur schwer wegzudenken ist. Es geht ja um eine Bewegung in der Raum-Zeit-Ebene. Die Wahrnehmung der heiligen Momente im Körper hängt davon ab, ob ich bereit bin, mich für diese Dimension zu öffnen. Ist die Öffnung möglich, kann ich eine Verbindung zu dem Unbenennbaren, Unbegrenzten empfinden. Ist dies nicht der Fall, bleibe ich mit mir.

Vorgehensweise
Das Thema reflektiert einen sehr spezifischen Aspekt meiner Arbeit und meines Seins als Frau. Die Schlange als Symbol für die lebendigen Erdkräfte (2) und ihre verschiedenen Ausformungen in ihren heiligen und erotischen Färbungen hat mich über Jahre intensiv in meinen Träumen besucht und beschäftigt. Häufig spielte dabei meine Angst vor den Schlangen eine wichtige Rolle. Im tänzerischen Ausdruck war die Schlange für mich leicht zu erleben mit genüsslichen und spielerischen Anteilen und immensen Kräften. Dieser persönliche Erfahrungshintergrund ist für meine Herangehensweise an die Arbeit mit den Frauen und die Fragestellung dieses Beitrags sehr wichtig. Das macht auch einen Teil der Beunruhigung für mich aus, mich mit diesem Artikel in einem akademischen Kontext zu zeigen.

Mein Interesse geht aber über die persönliche Betroffenheit insofern hinaus, als ich es für bedeutsam halte, die Verbindung von Spiritualität und Sexualität bei Frauen zu dokumentieren und zu untersuchen. Die Fragestellung zeigt sich in meiner Tanzarbeit mit Frauen verschiedensten Alters, in ihrem Bedürfnis die heilige Dimension im Tanz zu erleben, ohne eine Begrenzung zu tanzen.

Meine These ist, dass sich bei Frauen spirituelle Erfahrungen in spezifischer Weise körperlich spiegeln und dass sie oft eine erotische Qualität haben, die nicht auf erotische Zweisamkeit in Beziehungen gerichtet ist. Tanz ist als körperliches Medium besonders geeignet, die sakrale Erotik spürbar zu machen und einen Ausdruck zu ermöglichen. Wenn er eine geistige Ausrichtung hat, gilt dies noch in verstärktem Maße. Tanz verbindet intensive, teils bewusstere Atmung mit Musik und Bewegung. Er drückt über die flüchtige Bewegung ein Wesensmerkmal aller Seinsebenen aus: ständig im Fluss zu sein, nicht still zu stehen; so spiegelt er auf sichtbare/wahrnehmbare Weise die Vorgänge in der Natur und öffnet uns für das Sein. Das heißt, Tanz ermöglicht ein Erleben, das uns als ganzen Menschen anspricht (3), also die physische, die emotionale, die mentale und die spirituelle Dimension einschließt.

Tanz kann damit meiner Auffassung nach auf eine sehr grundsätzliche Weise auch Gebet sein, aber frei von jeder Art von Glaubensvorstellung, eine Kontaktaufnahme zum Kosmos. Der Schriftsteller Paulo Coelho drückt es in seinem Buch „Auf dem Jakobsweg“ folgendermaßen aus: „Tanz ist eins der vollkommensten Kommunikationsmittel mit der unendlichen Weisheit“. Meiner Ansicht nach gilt dies wahrscheinlich sogar für viele „säkulare“ Tanzformen, ohne dass diese Ebene bewusst gefühlt würde. Über die Körperlichkeit bezieht der Tanz den ganzen Menschen, die ganze Frau mit ein. Dies ist für Frauen von größerer Bedeutsamkeit als für Männer, da sie auf eine andere Art in ihrem Körper sind (4) und damit auch ihren Körper anders wahrnehmen und erfahren als Männer.

Ich möchte der genannten These exemplarisch anhand von Schilderungen der Frauen nachgehen, die an einem meiner Seminare teilgenommen haben und die ich gebeten hatte, ihre Wahrnehmungen für mich niederzuschreiben. Das Seminar fand im Dezember 1997 mit dem Titel „Schlangentänze, Schlangenkräfte – Zugänge zur sakralen Erotik im Tanz“ mit 12 Teilnehmerinnen im Alter von 40 bis Mitte 60 in Norddeutschland statt. Die Berichte stammen von insgesamt 7 Frauen.

Die Schlange
Um das Thema der sakralen Erotik tänzerisch „aufzuschließen“, hatte ich bewusst das Schlangensymbol zum Ausgangspunkt gewählt, da es im jüdisch-christlichen Kulturkreis aufgrund der Schöpfungsgeschichte in besonderem Maße mit Frauen in Verbindung gebracht wird. An die Genesis anknüpfend hat die Schlange in unserem Kulturkreis eine sehr ambivalente Stellung, sie wird mit der Versuchung assoziiert. (5) Gleichzeitig gilt die Schlange im indisch-asiatischen Kulturbereich als Symbol für die weibliche Kundalini-Kraft, die sich längs der Wirbelsäule im Laufe der spirituellen Entwicklung entfaltet. Sie repräsentiert die kosmische Lebensenergie und die Energie der Materie. Jolande Jacobi bezeichnet sie als Schlange der Erlösung. Sie steht für Wandlung und Gesundung, die Kontinuität von Geburt, Tod und Wiedergeburt, für Heilung, Zauberkraft und Weisheit. (6)

Weiterhin ist die Schlange eine sehr vielschichtige Bedeutungsträgerin. Sie inspiriert uns zu Entwicklung, Häutung, ängstigt andererseits in ihrer Fremdheit, Schnelligkeit, Größe und Potenz zum Töten. Als visuelles Symbol und in Träumen (7) wirkt sie auf geheimnisvolle Weise auf uns ein. In ihrer züngelnden Geschmeidigkeit und Verführungskunst ist die Schlange ein Tiersymbol, das eine große erotische Kraft besitzt. Auch das macht sie in gewisser Weise unheimlich. Und die Schlange ist durch ihre geschmeidige Bewegungsart seit alten Zeiten mit dem Tanz verwoben. (8) Schlangentänze richten sich an die Entfaltung der inneren und äußeren Kraft und Schönheit. (9)

Wirkkraft des Symbols im Allgemeinen
Der leiblich-tänzerische Zugang zum Symbol der Schlange ist zunächst eine einfache Kontaktaufnahme über den Vollzug von schlängelnden Bewegungen. (ganzer Körper, Teile/Zunge) So wird eine schrittweise Annäherung an das Symbol vollzogen, das auf einmal räumlich/körperlich erlebt wird. Damit geht es nicht mehr nur um die visuelle Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft, sondern es tritt der kienästhetische Körpersinn als Wahrnehmungsorgan in den Vordergrund. Weiterhin verlagert sich das Zentrum der Aufmerksamkeit vom Kopfraum in den Bauchraum: es geht dort mehr um das Wie der Wahrnehmung gegenüber dem Was im oberen Raum. (10) Indem wir unseren Körper in die Symbolisierung einbeziehen, können uns andere Bedeutungsebenen des Symbols zugänglich werden.

Der Symbolraum ist ein von der allgemeinen Umwelt abgegrenzter, besonderer Raum, der mit einer dort vorherrschenden, vom "normalen" Zeitempfinden unterschiedenen Zeitwahrnehmung korreliert. Das bedeutet, das dort Erfahrene ist aus der Alltagsrealität hervorgehoben und einer anders strukturierten Wirklichkeit zugehörig. (11), (12) In der tänzerischen Symbolisierung wird eine "andere" Ordnung erlebt, eine neue Dimension. Diese Erfahrung ist ganzheitlich in dem Sinne, dass sie die körperliche, emotionale, mentale und geistige Ebene mit einschließt. (13) Sie kann als eine Erneuerung der eigenen Energie gesehen werden, die den Alltag bereichert. Vergleichbar ist sie mit den im Jahreskreis wiederkehrenden Erneuerungszeremonien alter Religionen und Bräuche. Diese begleiteten in früheren Zeiten das Leben und stellten ein wichtiges, nicht wegzudenkendes Element für das Gelingen des Lebens dar. Die tänzerischen Symbolinszenierungen sind eine leibliche Annäherung an Fragen unserer persönlichen Existenz. Dabei verbinden sie das Persönliche mit dem Überpersönlichen.

Konkretes Setting: Musiken und Tänze
Das Seminar fand von Freitagabend 18 Uhr bis Sonntagnachmittag 15 Uhr in einem Tagungshaus bei Bremen statt. Damit war ein geschützter Raum und Rahmen da, in dem sich die Frauen jede auf ihre unterschiedliche Weise auf die Erfahrungen einlassen konnten. Es war eine offene Gruppe, d.h. die Frauen kannten sich nicht. Zunächst fand eine Einstimmung miteinander statt und ein Warmwerden mit der Thematik. Zwischendurch gab es immer wieder Runden zum verbalen Austausch miteinander und / oder eine Reflexion zu zweit mit der in einer Zweierübung zuschauenden Zeugin. Beides diente der stärkeren Bewusstwerdung über das Erlebte.

Anfangs bewegten wir uns schlängelnd über den Boden, spielten mit den entsprechenden Zisch- und anderen Lauten und setzten auch die Zunge als ein Ausdruckmittel ein. Das passierte teils zu zweit und teils in der ganzen Gruppe.

Die angebotenen Tänze bestanden zum einen aus verschiedenen meditativen Kreistänzen (14), aus unterschiedlichen Ländern und auch selbst gestalteten. Weiterhin gab es einen Tanz als Schlange allein am Boden und einen Tanz als Schlange am Boden mit geschlossenen Augen und einem darauf folgenden Aufrichten, der von einer Zeugin (15) und Hüterin der Tanzenden begleitet wurde, um sie vor Berührungen durch andere Tanzende und Verletzungen zu schützen. Für letztere benutzte ich Musik aus Australien mit Didgeridoo-Instrumentierung, die über die Tiefe der Klänge eine besondere Erdverbundenheit und Kraft vermittelt und gleichzeitig die Ehrung der Erde in der Kultur der Aborigenees widerspiegelt. Am Sonntag gab es einen Tanz zum Thema Häutung in einem Kreis aus Stoff, dann ein Kriechen durch einen Kanal, der von 4 Frauen gebildet wurde. Dieses Ritual endete mit dem Empfangen des Lichts in Form einer Kerze, die eine Frau während des Tanzes gehütet hatte.

Tanzerfahrungen einzelner Frauen
1.) E. S.

(Schlangenseminar, 19. – 21.12.1997) Tanz mit M., d.h. Tanz allein, M. musste mich „behüten“, da der Tanz mit geschlossenen Augen sein sollte, ohne Unterbrechung, 20 Min. , 10 Min auf der Erde, 10 Min frei, die Musik haben wir vorher nicht gehört: 1.) Erdtanz, Schlange auf der Erde, ganz unglaubliche Musik, ließ den Boden erzittern, ergriff mich total - es war keine Überlegung mehr möglich, ich wurde von ihr ergriffen, „es“ tanzte mich und ich hatte ein Gefühl von Urgewalt, Einssein, Hingabe ... Tod ... Auferstehung; Licht und Finsternis, oben und unten, Sexualität und Spiritualität, - es vermittelt mir immer ein Gefühl von „Frei-Sein“, wenn ich tanze, es ist immer, als wenn es etwas bewegt in mir und als wenn ich etwas dadurch bewege - aber dieser Tanz war etwas ganz Besonderes und das Gefühl eigentlich jenseits der Worte ...

2.) Dann die zweite Hälfte überraschte mich total, diese Art von Musik hätte ich nicht erwartet und sie ist mir auch nicht mehr so gegenwärtig, aber, nachdem ich mich darauf eingelassen hatte, ließ sie in mir Freude entstehen, eine ganz große, tiefe Freude und den Wunsch diese Freude auszudrücken durch die Bewegung - es war mir fast, als hätte ich kein Gewicht, es war ein Gefühl von Schwerelosigkeit, von Fliegen, wie ich es mir manchmal in meinen Träumen vorstellen kann, dort erlebe - Warum nur da? Eine ganz große Glückseligkeit war in mir, Helligkeit, Licht, Wärme - ich flog und tanzte doch auf der Erde - und - ganz wichtig - das Gefühl, „behütet“ zu sein, ohne Gefahr, das war wunderbar!!

Nachbemerkung von C.F. Von außen betrachtet, war der Tanz von E. unglaublich erotisch, es war wie ein sexueller Akt mit der Erde, beweglich, hingegeben, ekstatisch, eine Frau Mitte 60.

2.) H. R.
(s.o.) Fr.abend: Es kostete mich zunächst Überwindung, mich auf das Züngeln der Schlange ( meiner eigenen und auch der anderen Teilnehmerinnen einzulassen), erstes Gefühl war „verboten“, Empfindung von ansatzweise Ekel; dann zunehmend Spaß an dem verführerischen Aspekt

Sa: 1. Tanzen der Schlange
Zunächst das Empfinden, dass ich zu warten habe auf die Regungen der Schlange in mir, der Wunsch, sie zu spüren, auch der Wunsch nach Aufrichtung in die Vertikale; die Energie war am Boden. Ich konnte mich nicht aufrichten. Es hätte der Schlange in mir nicht entsprochen; war mehr wie ein Warten und Lauschen, nach dem Tanz Enttäuschung und Traurigkeit.

2. Tanzen der Schlange
Auch hier war meine Energie lange am Boden, ich habe den Boden als tragend erlebt, viel Ruhe und auch erotisches Empfinden, auf niemanden gerichtet, aus sich heraus, gespürt. Ich habe auch einige Impulse von archaischer dunkler Kraft und Macht gespürt, die sich aufbäumen, zerstören will und kann, wenn sie nicht zugelassen wird und dann ging die Bewegung mehr und mehr in die Aufrichtung. Das Dunkle wurde weniger, je mehr ich mich aufrichtete; es hat alles lange gedauert, und es gab eine lange Zwischenphase im Sitzen, Knien und halb aufgerichtet.

Der Wunsch und Impuls, mich nach oben zu richten und zu strecken wurde immer stärker und auch das hatte viel Lustvolles in sich und auch in die Gerichtetheit nach oben; es war, als wäre ein Kanal geöffnet, sehr klar ausgerichtet, durch mich durch und über mich hinaus ins Universum, helles, weißes Licht, nicht durchgängig, immer wieder neu. Danach war Nichts - Stille in mir - und Dankbarkeit.

3. Häutung
Eher ein Kampf, anstrengend; der Wunsch, Unwesentliches abzustreifen, frei zu sein von meinen Mustern. Es war schwer. Vielleicht bin ich zu schnell in die Aufrichtung gegangen, ohne den „Kampf“ ganz zu Ende gebracht zu haben; zwischendurch war es schön, meine Kraft, Zähigkeit, Geschmeidigkeit zu spüren.

Bevor ich durch den Tunnel robbte, hatte ich Angst - was ist, wenn ich stecken bleibe? Aber auch eine kompromisslose Kraft, wollte durchkommen unbedingt! Als ich merkte, dass ich es schaffe, konnte ich mich zurücknehmen und mehr spüren, wie es dort war, warm, geborgen, einengend, alles zugleich. Es war gut, den Widerstand der anderen Körper zu spüren. Danach lag ich auf dem Rücken und fühlte mich ungeschützt und doch ganz sicher, habe das Mantra gesagt und gebetet. Schön, dann das Licht zu bekommen.

3.) C. M.
(s.o.) Ja, an dem Wochenende, das Wichtigste für mich war wohl diese göttliche Lust zu spüren. Sie ist einfach da und nicht abhängig von einem Mann oder einer Frau.

4.) C. D.
(s.o.) Am Samstag fühlte ich mich behütet und beschützt, weil ich eine liebevolle „Aufpasserin“ hatte. Dadurch konnte ich beim Tanzen sehr offen sein und mich den Bewegungen und Gefühlen voll hingeben. Beim Tanzen war ich voller Sehnsucht (auch körperlich), es tat gut, war auch etwas schmerzhaft. Als ich auf dem Rücken tanzte, war ich mir meiner Verwundbarkeit bewusst. Ich konnte mich so annehmen, wie ich bin, auch all meine Gefühle, habe mich nicht bewertet und fühlte mich auch nicht bewertet, dazu noch sehr geborgen. Das war ein gutes Erlebnis.

5) E. W.
(s.o.) Meine Erlebnisse vom Schlangenwochenende Am Morgen tanzten wir den Tanz der züngelnden, erotisierenden, anmachenden Schlange einerseits sowie der gefährlichen, todbringenden zischenden andererseits. Es machte mir Spaß, die Begegnung war mit jeder Frau unterschiedlich, aber hatte vor allem mit Lust und Spiel, weniger mit Gefahr zu tun. Im Laufe der Zeit begann in meinem Bauch ein tiefes Vibrieren, eine Kraft, die aus der Erde kam, mich einzog, mir Angst machte, mich belebte und erdrückte, schwer auf mir lastete oder besser: mich schwer auf die Erde zog. Unangenehm schwer, wie ich es im Alltag vermeiden würde; viel Kraft, die nicht vom Kopf kontrollierbar ist.

So hielt ich mich beim folgenden paarweisen Schlangentanz erst mal zurück und ließ Christa beginnen. Schon beim bloßen Zusehen liefen mir die Tränen über die Wangen – ich war sehr berührt, aufgewühlt.

Nachmittags war ich an der Reihe und fühlte mich gut mit mir vor dem Tanz. Dann begann die Musik mit ihren tiefen Vibrationen, die direkt aus dem Erdinnern zu kommen schienen und mich umhüllten und aufnahmen. Eine Welle von Lust und sexueller Erregung überkam mich – es war mir unangenehm und peinlich, und ich dachte: „So was Blödes, ausgerechnet jetzt. Muss das hier sein“, aber die Gedanken waren so unwesentlich und verblassten im Hintergrund.

Ein Gefühl breitete sich in mir aus: mein gesamter Unterkörper samt Beinen wurde zu einer riesengroßen erregten Möse, feucht und dunkelrot glitzernd, die sich über den Tanzboden mit mir schlängelte. Ich genoss dieses geile Gefühl, pure Erregung und kein Gedanke an Befriedigung durch wen auch immer. Dann begann mein Oberkörper sich zu verändern und formte sich zu einem erigierten Penis, ein riesiger Phallus, dessen Eichel mein Kopf war, den ich lustvoll durch die Erde zog, ja die Erde durchpflügte mit viel Gefühl und Lust an der Berührung. Dann richtete ich mich auf, mich nach der Vereinigung mit meiner Möse sehnend und plötzlich war ein geschlossener Kreis in mir entstanden. Der Phallus hatte sich mit der Möse verschmolzen, ich fühlte mich leicht und in großer Harmonie, fröhlich, ein Gefühl von Ganzheit ließ mich weich und zufrieden weiter tanzen. Der erste Gedanke: Warum ist die Schlange eigentlich weiblich? Die Antwort: Sie ist es nicht! Sie ist, wie wir alle, auch männlich. Die Gedanken von Peinlichkeit und Scham beim Erzählen dieses Erlebnisses tauchten immer wieder auf, aber das Erleben war so groß und schön und so weit weg vom Denken, dass sich der Vorgang nicht stören ließ. Auch jetzt, eine Woche später, spüre ich die Lebendigkeit dieser beiden Teile in mir, versuche sie gedanklich zu fassen, um sie irgendwo einzuordnen und komme immer wieder zu dem Ergebnis, dass diese Gefühlswelt in ihrer Intensität nur annähernd zu beschreiben ist. Denkend kann ich mich nur davor verneigen, um das Erlebte zu ehren und zu bewahren

6) B. F.
(aufgeschrieben aus der Erinnerung von C.F.)
Das Aufrichten der Schlange war ungeheuer besonders. Es war die Lust am Phallischen/Aufrichten, die sie so lustvoll genossen hatte. Sie habe nie gedacht, dass sie das so spüren und nachvollziehen könne.

7) A. S.
Ich liege auf dem Boden, den Kopf auf dem Boden. Die Musik beginnt und ich habe das Bedürfnis, den Kopf am Boden zu rollen und eingekauert zu bleiben wie ich bin. Danach breite ich mich bäuchlings aus und gleite schlängelnd herum, mit Begeisterung das Ohr auf der Erde haltend und die Töne der Schwingungen zu hören. Ich erlebe den Boden, das Holz als männlich, meinem Körper Widerstand gebend, mich dadurch als weich, weiblich, erotisch erlebend in erotischer Verbindung mit dem Boden. Die Wellen des Schlängelns als lebendig beweglich erlebend.

Schlussfolgerungen
Die Schilderungen der Tänzerinnen machen das Verwobensein der körperlichen mit der spirituellen Ebene deutlich. (16) Im Tanz wird der eigene Körper oder ein Teil der Umgebung als erotisches Gegenüber erlebt. Teilweise ist diese Erfahrung auch in die Polaritäten von weiblich und männlich aufgeteilt, wobei sich der Tanz auf eine Vereinigung hin bewegt. Das Ganze setzt eine ungeheure Kraft frei, die je nach dem individuellen Erlebnis der einzelnen Frau eine unterschiedliche Färbung erhält. Harmonie, Schönheit, Freiheit, Lust, Licht, Stille, Größe und Lebendigsein, Sehnsucht und Einssein.

In der Runde der Frauen und mit dem explizit gestellten Thema war es möglich, die Körperlichkeit und die erotisch-spirituelle Erfahrungsqualität der Tänze anzusprechen und miteinander zu teilen. Die verschiedenen Schattierungen der KRAFT, die durch uns hindurch geht, uns anfüllt und die wir in das Leben weitergeben, konnten wahrgenommen und ausgedrückt werden. Diese Kraft wird von Frauen körperlich erfahren, weshalb es für uns ungeheuer wichtig ist, den Körper nicht von der Spiritualität zu trennen, wie es im christlichen Kulturkreis innerhalb der letzten 2000 Jahre praktiziert wurde. Die im weiblichen Körper erlebte lebendige Verbundenheit beider Ebenen des Menschseins hat eine große Heilungskraft, da die Quelle unmittelbar in uns selbst erfahren wird. Das bedeutet auch die Heiligung der Materie, die nicht mehr als etwas „vom Geistigen Abgeschnittenes“ gesehen werden kann.

Dies knüpft auf einer neuen Ebene an die Tradition der heiligen Hure an. (17) (18) Sich als Frau dem Göttlichen in und mit dem Körper zur Verfügung zu stellen, war eine Tradition, die weit in die Geschichte der Menschheit zurück reicht. Auch wenn es sicher keine Rückkehr zu den alten Formen geben kann, da die menschliche Entwicklung seit der Zeit fortgeschritten ist, kann die Bewusstwerdung des Körpers als eines heiligen Ortes uns als Inspiration dienen, um neue Wege der Heilung zu entdecken und zu erfinden. Der Tanz ist dafür ein geeignetes Medium.

• Anmerkungen
(1) Zitiert nach: Jane Hirshfield (Editor), Women in Praise of the Sacred, HarperCollins, New York, 1995, S. 138, Übersetzung: C.F.

(2) Vgl. Barbara Stamer, Vera Zingsem, Schlangenfrau und Chaosdrache in Märchen, Mythos und Kunst, Kreuz-Verlag, Stuttgart 2001, S. 11

(3) Siehe dazu: Cornelia Freise, Die Schwierigkeit, den Raum zu ergreifen  Chancen und Perspektiven einer tanztherapeutischen Arbeit mit Müttern, Zeitschrift für Tanztherapie,4/5, 1996, S.8ff.(9)

(4)Vgl. dazu: Angela Fischer, Frauen meditieren anders, Reinbek bei Hamburg 2003, S. 34ff.

(5)Vgl. Barbara G. Walker, Das geheime Wissen der Frauen, 1993, Frankfurt./M.,Stichwort Schlange. S.972

(6) Vgl. Barbara Stamer, Vera Zingsem, Schlangenfrau und Chaosdrache in Märchen, Mythos und Kunst, Kreuz-Verlag, Stuttgart 2001, S. 13

(7) Vgl. Klausbernd Vollmar, Handbuch der Traumsymbole, 3.Auflage 1995, Klein Königsförde, S.236

(8) Vgl.Eluan Ghazal, Schlangenkult und Tempelliebe, Sakrale Erotik in archaischen Gesellschaften, Berlin 1995

(9) Vgl. Wendy Buonaventura, Die Schlange vom Nil, Frauen und Tanz im Orient1990, Frankf./M.,S. 195ff.

(10) Vgl. Kristin Westphal, Raumempfinden im Tanz in: Jahrbuch für Tanzforschung, Bd. 7,S. 47ff.(65)

(11) Vgl. Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane- Vom Wesen des Religiösen, 3.Auflage 1987, Frankf./M. S. 182

(12) Vgl. auch, Marie-Luise Oberem, Jahrbuch für Tanzforschung 8 (1997), Rituale der Selbstfindung in der Tanztherapie: Die Bedeutung der Disziplin authentische Bewegung, S.162ff. (172)

(13) Vgl. Cornelia Freise, Das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen der pädagogischen und therapeutischen Elemente im Meditativen Tanz in: Jahrbuch für Tanzforschung Bd.3, S.86ff.(88)

(14) Vgl. Das Konzept der Zeugin/ witness bei Joan Chodorow , beschrieben in: Hans-Gerd Artus, Authentizität, authentische Bewegung und Tanz in: Jahrbuch für Tanzforschung, Bd. 7 (1996), Wilhelmshaven, S. 176ff.(181)

(15) Die emotionale und mentale Ebene waren in den Erfahrungen auch vorhanden, standen aber nicht im Mittelpunkt der hier untersuchten Fragestellung.

(16) Vgl. Barbara Walker, s.o., S. 882ff.

(17) Vgl. Nancy Qualls-Corbett, The Sacred Prostitute